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Verlust der Sinnhaftigkeit - Wenn Erfolg nicht reicht

vor 7 Stunden
4 Min. Lesezeit

Über Sinnhaftigkeit, toxische Umfelder und den Preis, den wir schweigend zahlen


Es gibt einen Satz, den ich in meiner Arbeit als Coach immer wieder höre:


„Ich habe alles erreicht, und trotzdem erfüllt es mich nicht!"


Erfolgreiche Karriere, anerkannter Name, materiell abgesichert. Von aussen eine Erfolgsgeschichte, innerlich herrscht Leere.

Ich kenne diesen Moment nicht nur aus Gesprächen, sondern aus eigener Erfahrung. Ich habe selbst geführt, entschieden und funktioniert. Ich erinnere mich gut an das Gefühl, irgendwann nicht mehr zu wissen, was das alles noch mit mir zu tun hatte.





Fehlende Sinnhaftigkeit

Im Führungskontext zeigt sich fehlende Sinnhaftigkeit selten als plötzliche Krise, sondern als schleichender Prozess. Er zeigt sich in wachsender Gleichgültigkeit gegenüber Entscheidungen, die früher wichtig waren. In einem Gefühl des blossen Funktionierens, als wäre die eigene Arbeit ein Drehbuch, das man ausführt, ohne es selbst geschrieben zu haben. In Momenten, in denen man sich fragt: Wenn ich morgen aufhören würde, würde es einen Unterschied machen?


Diese Frage kann sehr aufschlussreich sein, weil sie aufzeigt, was einem wirklich wichtig ist. Wer sie nie stellt, verliert den Kontakt zu dem, was ihn antreibt. Wer den Kontakt zu seinem Antrieb verliert, verliert auch die Leidenschaft, die es für solche Positionen braucht, und dies überträgt sich auf Entscheidungen und Beziehungen.


Viktor Frankl, Österreichischer Psychiater und Holocaust-Überlebender, beschrieb in seinem Werk „Man’s Search for Meaning“ das menschliche Grundbedürfnis nach Sinnhaftigkeit. Sein zentraler Befund: Menschen können fast alles ertragen, wenn sie wissen, wofür. Was sie nicht aushalten, ist Sinnlosigkeit.

Das gilt in extremen Lebenssituationen, und es gilt genauso im Business Kontext.


Wenn das Umfeld selbst das Problem ist

Es gibt Umfelder, die systematisch Vertrauen, Fairness, Klarheit und die Möglichkeit, offen zu sprechen, zerstören. All das, was Menschen für gute Arbeit brauchen,

Toxizität in Organisationen zeigt sich selten offensichtlich, sondern subtil in bestimmten Mustern. In Entscheidungen, die ohne Transparenz getroffen werden, Vetternwirtschaft und Seilschaften, die über Kompetenz gestellt werden, in einer Kultur, in der das Aussprechen von Problemen karriereschädlich ist, und in politischen Spielen, die Energie binden und Vertrauen zerstören.

Wer in einem solchen System arbeitet, steht irgendwann vor der Frage: Wann ist Anpassung noch strategische klug, und wann ist es das stille Abrücken von seinen eigenen Werten.

Diese Grenze ist fliessend, und sie verschiebt sich nur langsam. Bis man eines Tages merkt, dass man Entscheidungen trifft, hinter denen man nicht mehr steht.

Ich habe selbst erlebt, wie schwer es ist, in einem Umfeld mit wenig Rückendeckung klar zu bleiben. Wie viel Energie politische Dynamiken kosten, die nichts mit der eigentlichen Arbeit zu tun haben, und wie verführerisch es ist, weiterzumachen, weil sich Aufhören nach Versagen anfühlt.


Der Preis, den wir schweigend zahlen

Erfolg hat einen Preis, das wissen alle, die ihn angestrebt haben. Auch das Ausharren in einem sinnbefreiten oder toxischen Umfeld hat einen Preis, und der ist oft höher als der, den man wahrzunehmen bereit ist.


Er zeigt sich in der Schlafqualität, in zunehmender Reizbarkeit, in einem Gefühl der Leere nach einem langen Arbeitstag, und in der immer grösser werdenden Distanz zu Menschen, die einem nahestehen.


Mentale Gesundheit im Top-Management ist ein Thema, das zunehmend enttabuisiert wird. Immer mehr Führungskräfte sprechen öffentlich über Burnout, und über eigene Grenzen, die sie überschritten haben. Was dabei noch zu selten thematisiert wird, ist dass mentale Gesundheit nicht primär eine Frage der persönlichen Belastbarkeit ist, sondern oft eine Frage der Rahmenbedingungen. Wer in einem Umfeld arbeitet, das Vertrauen zerstört und Sinnhaftigkeit verhindert, wird durch ein Resilienztraining nicht gesund., aber er kann entweder die Bedingungen verändern oder das Umfeld wechseln.


Erfolg und Macht alleine reichen nicht

Erfolg schützt nicht vor fehlender Sinnhaftigkeit. Wer lange auf ein Ziel hingearbeitet hat und es erreicht, erlebt häufig eine Leere, die er nicht erwartet hat.

Macht hat eine ähnliche Dynamik. Sie gibt das Gefühl von Kontrolle und stärkt das Selbstwertgefühl, und sie macht verletzlich für den Moment, in dem Macht schwindert. Führungskräfte, die ihren Wert primär über Position und Einfluss definieren, stellt sich dann die Frage: Wer bin ich wenn Titel und Rolle wegfallen.


Was ich in meiner Arbeit als Coach immer wieder beobachte, ist, dass Führungskräfte, die diese Frage früh und ehrlich stellen, handeln. Nicht indem sie das System über Nacht verändern, sondern indem sie einen bewussten Umgang damit entwickeln. Sie justieren, wo sie können, sie finden Wege, mit dem umzugehen, was sie nicht ändern können. Sie schaffen Ventile, die verhindern, dass angestauter Frust das Team trifft oder die eigene Führung aushöhlt.

Denn eine Führungskraft, die innerlich unzufrieden, frustriert oder desillusioniert ist und das nicht adressiert, führt irgendwann halbherzig. Täglich wirklich präsent zu sein erfordert Achtsamkeit und innere Klarheit.


Die Frage nach dem Sinn wird oft als Luxus behandelt, den man sich leistet, wenn alles andere geregelt ist. Dabei ist Sinnhaftigkeit die Grundlage für langfristige Motivation, innere Zufriedenheit und berufliche Erfüllung.


Was sich verändern kann

Ich habe Menschen begleitet, die den Mut hatten, diese Fragen zu stellen. Die bereit waren, ehrlich hinzuschauen, auch wenn die Antworten unbequem waren.

Manchmal führt das zu einer veränderten Haltung innerhalb derselben Rolle, manchmal zu einer Veränderung des Umfelds, und manchmal zum Entschluss, etwas loszulassen, das lange als unverzichtbar galt. Fast immer ist Erleichterung zu spüren, wenn jemand den ersten Schritt gewagt hat.

Erfolg ist messbar, Erfüllung nicht, aber sie ist täglich spürbar, in kleinen Momenten, in denen man weiss, dass man der richtige Mensch am richtigen Ort ist, und, dass die eigene Arbeit einen Sinn hat, etwas hinter dem man stehen kann.


Was bleibt wenn du alles erreicht hast, was du wolltest?

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