Die ständige Erreichbarkeit: Wenn „always on“ krank macht
- 27. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. März
Stress durch ständige Erreichbarkeit

Vor wenigen Monaten sass Martin (Name geändert), Führungskraft eines internationalen Technologieunternehmens, bei mir im Coaching. Mit Mitte 40 hatte er das erreicht, wovon viele träumen: ein erfolgreiches Unternehmen, ein internationales Team, Anerkennung in der Branche. Doch etwas stimmte nicht. Martin wirkte gehetzt, gestresst, unruhig.
„Ich habe vermehrt Schlafprobleme, sagte er, „jede E-Mail, jede Nachricht, jede Entscheidung fühlt sich wie ein Wettlauf gegen die Zeit an. Ich weiss, dass ich delegieren sollte, aber wenn ich es tue, habe ich das Gefühl, dass vieles schief läuft.
Martin beschreibt ein Gefühl, das viele High Performer kennen, ständige Erreichbarkeit, Informationsflut und Entscheidungen unter Druck. Zusätzlich spürte er die Unsicherheit in der globalen Wirtschaft: geopolitische Krisen, Handelskonflikte und volatile Märkte beeinflussten seine Entscheidungen massiv.
Sein Coaching Ziel lautet:
„Mehr Gelassenheit, Ruhe und Souveränität in der Führung"
Ständige Erreichbarkeit bei Führungskräften – Risiken für Gesundheit und Performance
Im digitalen Zeitalter sind Führungskräfte rund um die Uhr erreichbar. Smartphones, Slack, Teams, Zoom. Zahlreiche Studien zeigen, dass diese Always-On-Kultur Stresshormone wie Cortisol dauerhaft erhöht, die Schlafqualität reduziert und langfristig das Risiko für Burnout erhöht.
Doch der Druck ist nicht nur technologisch bedingt. Führungskräfte tragen Verantwortung für Menschen, Projekte und Märkte. Jede Entscheidung kann unmittelbare Folgen haben. Hinzu kommt die globale Unsicherheit: politische Spannungen, Inflation, Lieferkettenkrisen, Fachkräftemangel. Top-Manager sind gezwungen, unter unviorhersehbaren Bedingungen Entscheidungen zu treffen, und diese Unsicherheit kann belastend sein.
Neurobiologische Folgen von Stress
Das Gehirn reagiert auf ständigen Druck, indem es in den Überlebensmodus geht:
Amygdala-Aktivierung – Alarmreaktion, erhöhtes Stressniveau
Präfrontaler Cortex eingeschränkt – reduzierte Fähigkeit für rationale Entscheidungen
Belohnungssystem blockiert – Motivation und intrinsische Antriebe nehmen ab
Je länger Führungskräfte in diesem Zustand bleiben, desto schwieriger wird es, klar zu denken, Risiken abzuwägen und das Team effektiv zu führen.
Entscheidungen trotz vielen Unsicherheiten – Mentale Stärke für Führungskräfte
Entscheidungen zu treffen, auch in unsicheren und komplexen Situationen gehören zum Alltag von Führungskräften. Heute müssen Manager mit komplexen, sich ständig verändernden Rahmenbedingungen umgehen können:
Wirtschafts- und Marktschwankungen
Politische oder geopolitische Krisen
Technologische Veränderungen und disruptive Innovationen
Hohe Informationsdichte und widersprüchliche Daten
Die psychologische Forschung nennt dies Decision Fatigue. eine mentale und emotionale Erschöpfung, die aus ständigen Entscheidungen mit wenig Klarheit über die Entwicklung der Zukunft, entsteht.
Sie führt zu:
vorsichtigen, oft risikoaversen Entscheidungen um die Kontrolle wiederzugewinnen
Aufschieben wichtiger Entscheidungen
Unser Gehirn kann nur eine begrenzte Menge an Unsicherheit gleichzeitig verarbeiten. Wenn der mentale Energiehaushalt aufgebraucht ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, Fehler zu machen oder Chancen zu verpassen.
Die strategische Dimension
Für C-Level-Führungskräfte kommt auch die geopolitische Unsicherheit dazu.
Handelskriege oder Sanktionen beeinflussen Lieferketten
Währungsschwankungen und Inflationsdruck verändern Marktstrategien
Gesellschaftliche Trends und regulatorische Veränderungen schaffen neue Risiken
Diese Faktoren sind nicht kontrollierbar, aber oft entscheidend für den Unternehmenserfolg. Viele Führungskräfte versuchen, alles unter Kontrolle zu halten, um dadurch mehr Vorhersehbarkeit zu kreieren, denn Ungewissheit aktiviert dieselben Netzwerke wie physische Bedrohung.
Lösungsansatz für High Performer – Fokus, Klarheit und Selbstmanagement
Im Coaching mit Martin haben wir einen mehrschichtigen Ansatz verfolgt: mentale Klarheit, strukturierten Fokus und Resilienz.
1. Mentale Entlastung
E-Mail- und Kommunikationszeiten bewusst planen
Delegieren von Routineaufgaben
„No-Meeting-Zeiten“ einführen
Ziel: Gehirn aus dem Überlebensmodus bringen, Amygdala beruhigen und Präfrontalen Cortex handlungsfähig machen.
2. Fokus auf Einflussbereiche
Kontrollierbar: Teamstruktur, interne Prozesse, Kommunikation
Nicht kontrollierbar: politische Entscheidungen, geopolitische Krisen, globale Lieferketten
Fokus auf Einflussbereiche verschiebt Energie von unnötiger Sorge hin zu konstruktivem Handeln.
3. Neurobiologische Resilienz
Atemanker – kurze Atemübungen vor Entscheidungen
Fokusrituale – 10 Minuten Stille am Morgen
Reflexion statt Reaktion – Entscheidungsgrundlagen bewusst überprüfen
4. Strategisches Sparring
Vertrauensvolle Sparringspartner helfen, schwierige Entscheidungen zu simulieren, Risiken zu bewerten und Szenarien durchzuspielen.
Fazit – Mentale Stärke und Stressmanagement für Führungskräfte
Die ständige Erreichbarkeit und die Komplexität moderner Führung setzen High Performer unter Druck. Doch es ist möglich, diesen Druck zu managen:
Mentale Entlastung: klare Grenzen setzen, Delegation, No-Meeting-Zeiten
Strukturierte Entscheidungsprozesse: Entscheidungsmodelle, Fokus auf Einflussbereiche
Resilienztraining: Atemanker, Fokusrituale, Reflexion
Strategisches Sparring: einen vertrauensvollen Raum schaffen, um Szenarien durchzuspielen
Führung beginnt mit Selbstführung. Innere Stabilität, Klarheit und das bewusste Einsetzen von mentalen Techniken, Ritualen und Selbstreflexion helfen, um auch im "Always On" Zeitalter, leistungsfähig und gesund zu bleiben.

