Überfordert im Job?Woher die Überforderung wirklich kommt.
- 17. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Feb.
Überforderung ist kein persönliches Versagen
Wenn du diesen Artikel liest, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du erfolgreich bist. Du trägst Verantwortung, triffst Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen und bewegst dich in einem Umfeld, das hohe Leistungsfähigkeit voraussetzt. Und dennoch, oder gerade deshalb, kennst du möglicherweise dieses diffuse Gefühl von Überforderung.
Nicht laut, nicht zwingend dramatisch. Eher leise, dauerhaft, zermürbend.
Überforderung im Job wird noch immer häufig missverstanden. Sie wird mit mangelnder Belastbarkeit, schlechter Organisation oder zu wenig Resilienz erklärt. Gerade auf C-Level-Ebene ist dieses Narrativ besonders hartnäckig: Wer es bis hierher geschafft hat, darf nicht überfordert sein.
Die Realität ist eine andere. Überforderung ist heute selten das Resultat von zu viel Arbeit. Sie entsteht aus strukturellen, kulturellen und psychologischen Spannungsfeldern, die über längere Zeit ungelöst bleiben.
Dieser Artikel beleuchtet:
woher Überforderung wirklich kommt
welche Warnzeichen du ernst nehmen solltest
warum Sinnhaftigkeit, Wertschätzung und saubere Systeme entscheidend sind
und wie du dir konkret helfen kannst, wenn du merkst: So wie bisher geht es nicht weiter
1. Woher kommt Überforderung im Job wirklich?
1.1 Nicht die Arbeitsmenge ist das Problem
Viele Führungskräfte sagen im Executive Coaching: „Ich habe schon immer viel gearbeitet. Aber früher hat es mich nicht so erschöpft.“
Das ist ein zentraler Hinweis.
Menschen können erstaunlich viel leisten, wenn drei Bedingungen erfüllt sind:
die Arbeit ist sinnvoll
der eigene Beitrag wird gesehen und anerkannt
das System unterstützt statt blockiert
Überforderung entsteht dort, wo diese Bedingungen dauerhaft fehlen. Unabhängig von der tatsächlichen Arbeitsmenge.

1.2 Fehlende Sinnhaftigkeit
Sinn ist kein esoterisches Konzept. Sinn ist ein hochwirksamer psychologischer Stabilitätsfaktor.
Auf C-Level-Ebene zeigt sich fehlende Sinnhaftigkeit oft nicht als offene Sinnkrise, sondern subtiler:
Entscheidungen fühlen sich mechanisch an
Erfolge erzeugen keine echte Befriedigung
Ziele werden erreicht, ohne innere Resonanz auszulösen
Viele Führungskräfte sind in Rollen hineingewachsen, die strategisch sinnvoll, aber innerlich nicht mehr stimmig sind. Die Organisation erwartet Klarheit, Tempo und Ergebnisorientierung. Doch die Frage nach dem Warum bleibt unbeantwortet.
Sinnverlust wirkt wie ein innerer Energieentzug. Man funktioniert weiter, aber die psychische Regeneration bleibt aus. Genau hier beginnt chronische Überforderung.
1.3 Fehlende Wertschätzung
Viele Top-Führungskräfte erleben:
ihre Leistung wird als selbstverständlich betrachtet
Erfolge werden schnell relativiert
Fehler haben mehr Gewicht als Fortschritte und Erfolge
Gleichzeitig tragen sie emotionale Lasten, die niemand sieht: Konflikte, Unsicherheiten, moralische Dilemmas.
Wenn diese Form von Leistung unsichtbar bleibt, entsteht ein Gefühl innerer Entwertung. Der Satz „Egal was ich mache, es reicht nie“ wird zum inneren Dauerbegleiter.
1.4 Toxisches Arbeitsumfeld
Überforderung ist oft kein individuelles, sondern ein systemisches Phänomen.
Toxische Arbeitsumfelder zeigen sich nicht nur durch lautes Fehlverhalten, sondern durch strukturelle Dysfunktion:
widersprüchliche Ziele
politische Spiele
fehlende psychologische Sicherheit
chronische Konfliktvermeidung
Für Führungskräfte bedeutet das permanente emotionale Wachsamkeit. Diese Form von Stress ist besonders erschöpfend, weil sie selten klar benannt werden kann.
1.5 Leerläufe in Prozessen: Energieverlust durch Ineffizienz
Ein oft unterschätzter Faktor von Überforderung sind ineffiziente Systeme.
Nicht zu wenig Zeit, sondern zu viele Reibungsverluste belasten:
endlose Abstimmungsschleifen
unklare Entscheidungswege
Meetings ohne Wirkung
operative Themen auf strategischer Ebene
Diese Leerläufe erzeugen das Gefühl, ständig beschäftigt zu sein, ohne wirklich wirksam zu sein.
1.6 Fehlende Motivation im Team
Wenn Mitarbeitende innerlich gekündigt haben, kompensiert oft die Führung.
Viele Führungskräfte tragen dann:
mehr Verantwortung als vorgesehen
emotionale Frustration des Teams
operative Details, die delegierbar wären
Das erzeugt nicht nur Mehrarbeit, sondern auch emotionale Erschöpfung.
2. Warnzeichen: Wieviel Überforderung ist zu viel?
Überforderung meldet sich selten von heute auf morgen. Sie schleicht sich ein.
Typische Warnzeichen auf Führungsebene sind:
chronische innere Unruhe trotz Erfolg
Reizbarkeit oder emotionale Abflachung
Entscheidungserschöpfung
Zynismus oder innere Distanz
körperliche Symptome ohne klare Ursache
Besonders kritisch: Wenn diese Zeichen als normal interpretiert werden.
3. Warum Überforderung auf C-Level oft tabuisiert wird
Je höher die Position, desto weniger Raum für Zweifel und sogenannte Schwäche.
Viele Führungskräfte haben gelernt:
Stärke zeigen
Kontrolle behalten
Emotionen unterdrücken
Das führt dazu, dass Überforderung nicht geteilt, sondern internalisiert wird.
4. Die eigentliche Frage: Was braucht es jetzt wirklich?
Klarheit
Sinn
strukturelle Entlastung
emotionale Verarbeitung
5. Fünf konkrete Tipps, wenn du dich überfordert fühlst
Tipp 1: Trenne Rolle und Person
Du bist mehr als deine Funktion. Überforderung entsteht, wenn Rolle und Identität verschmelzen.
Frage dich:
Was gehört wirklich zu meiner Rolle?
Was trage ich zusätzlich aus Loyalität, Pflichtgefühl oder Gewohnheit?
Tipp 2: Stelle die Sinnfrage neu
Nicht grundsätzlich, sondern konkret:
Wofür lohnt sich mein Einsatz heute?
Welche Entscheidungen fühlen sich stimmig an?
Wo handle ich gegen meine Werte?
Sinn verändert sich. Er muss regelmässig überprüft werden.
Tipp 3: Leerläufe radikal reduzieren
Wirksamkeit ist ein Schutzfaktor gegen Überforderung.
Welche Meetings bringen keinen Mehrwert?
Wo sind Entscheidungswege unklar?
Was kann vereinfacht oder gestrichen werden?
Überforderung muss ernst genommen werden
Suche Menschen, die verstehen, welche Verantwortung du trägst und in welchem Spannungsfeld du dich bewegst: Sparringspartner, Leadership Coaches, Peers.
Tipp 5: Warnzeichen ernst nehmen und zwar früh genug
Überforderung ist kein Zustand, den man wegdiszipliniert.
Je früher du reagierst, desto mehr Gestaltungsraum hast du.
Überforderung im Job ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Signal dafür, dass Sinn, System und Selbstführung neu ausgerichtet werden müssen.

