Durchhaltewille und mentale Stärke: Wann dient Schmerz dem Wachstum, wann ist er Verschleiss?
Berlin, 29. September 2026. Tigst Assefa, die äthiopische Weltklasse-Marathonläuferin, liegt bei Kilometer 31 auf Weltrekordkurs.
Sie kennt die Strecke sie kennt das Tempo, sie kennt das Ziel. Doch dann beginnen die Schmerzen.
Ab Kilometer 31 meldete sich ihre rechte Achillessehne. Die Schmerzen wurden stärker, bis sie bei Kilometer 40 kaum noch zu ertragen waren. Assefa begann zu humpeln, sie wurde langsamer. Das Publikum am Strassenrand sah, dass etwas nicht stimmte, aber sie lief weiter.
Sie überquerte die Ziellinie als Siegerin, in 2:11:04 Stunden, der drittschnellsten Marathonzeit, die eine Frau je gelaufen ist. Direkt danach brach sie zusammen. Am nächsten Tag wurde sie in München operiert. Diagnose: kompletter Riss der rechten Achillessehne.

Was Assefa in diesen letzten elf Kilometern geleistet hat, grenzt ans Unvorstellbare. Gleichzeitig stellt es eine Frage, die ich in meiner Arbeit als Mental Coach immer wieder stelle, und die weit über den Sport hinausgeht: Wann ist Durchhaltewille bewundernswert, wann ist er gefährlich? Wann sollen wir den Schmerz aushalten, wann sollen wir aufhören?
Mentale Stärke - Was im Körper und Geist von Tigst Assefa passiert ist
Die Neurowissenschaft kennt den Mechanismus, der Assefas Leistung erklärt. In extremen Wettkampfsituationen schüttet das Gehirn Endorphine und Adrenalin aus, die das Schmerzempfinden massiv reduzieren. Gleichzeitig aktiviert der präfrontale Kortex, der rationale Teil des Gehirns, alle verfügbaren Ressourcen auf ein einziges Ziel in diesem Fall die Ziellinie.
Was Assefa ausgeblendet hat, war nicht der Schmerz selbst, sondern die Bedeutung des Schmerzes. Das Gehirn hat das Signal empfangen, aber entschieden, es als nicht handlungsrelevant einzustufen. Zumindest bis Kilometer 40, wo der Körper die Kontrolle zurückforderte.
Das ist mentale Stärke in ihrer reinsten Form, die Fähigkeit, trotz Schmerz eine bewusste Entscheidung zu treffen. Diese Fähigkeit lässt sich trainieren, durch Mental Training, durch Erfahrung und durch die Klarheit darüber, wofür man antritt.
"Ab Kilometer 31 fingen die Schmerzen an, ab dem 40. Kilometer wurden sie dann sehr stark. Es ist unglaublich, wie sie mit dieser Verletzung und diesen Schmerzen überhaupt weitergelaufen ist und das Rennen gewonnen hat."""
(Gianni Demadonna, Manager von Tigst Assefa, nach dem Berlin-Marathon 2026)
Im Sport bewundern wir solche Leistungen, aber was bedeutet das für den Alltag?
Wenn Tigst Assefa mit einer gerissenen Achillessehne ins Ziel läuft, bewundern wir die Leistung und sagen was für eine Kämpfernatur, was für ein Wille, was für eine mentale Stärke.
Wenn eine Führungskraft trotz offensichtlicher Erschöpfung, trotz klarer Warnsignale und trotz wiederholter Krankheitssymptome weiter funktioniert, sagen viele, was für ein Einsatz, was für eine Hingabe, und was für eine Leistung.
Die Sprache ist dieselbe und die Logik dahinter auch, nur der Kontext ist fundamental anders.
Assefa wusste, dass sie einen einmaligen Wettkampf hatte. Sie wusste, dass sie danach Zeit zur Heilung haben würde. Sie hat eine informierte, bewusste Entscheidung getroffen, mit allen Konsequenzen. Ihre Karriere ist lang genug, um auch diese Pause zu verkraften.
Im Business sieht die Rechnung anders aus. Eine Führungskraft, die jahrelang auf Verschleiss arbeitet, trifft keine einmalige Entscheidung. Sie etabliert ein Muster, dessen Auswirkungen irgendwann nicht mehr mit einer Operation zu korrigieren sind.
Gesunder Schmerz oder ungesunder Schmerz, wo liegt die Grenze?
Das ist die eigentliche Frage, und sie ist schwieriger zu beantworten, als es auf den ersten Blick scheint. Denn Schmerz ist nicht gleich Schmerz. In meiner Arbeit als Mental Coach unterscheide ich zwei grundlegend verschiedene Arten.
Gesunder Schmerz ist Wachstumsschmerz. Er entsteht, wenn man über eine bisherige Grenze hinausgeht. Wenn eine neue Fähigkeit entwickelt wird, oder wenn eine schwierige Situation bewältigt wird, die vorher unlösbar schien. Dieser Schmerz ist das Signal, dass Entwicklung stattfindet. Er ist vorübergehend, er hört auf, wenn die neue Kompetenz verankert ist, und er hinterlässt etwas Wertvolles.
Ungesunder Schmerz ist Verschleissschmerz. Er entsteht, wenn ein System dauerhaft über seine Belastungsgrenze hinaus betrieben wird, ohne ausreichende Regeneration. Dieser Schmerz signalisiert nicht Wachstum, sondern Abbau. Er wird nicht besser, wenn man weitermacht, er wird schlimmer. Im Sport nennt man das Übertraining, im Business nennen wir es chronische Erschöpfung.
Beide sind mit Druck verbunden, beide testen die Grenzen. Die Frage, die du dir stellen musst, ist deshalb keine Frage der Intensität des Schmerzes, sondern eine Frage seiner Richtung: Wächst du durch ihn, oder ist er eher kontraproduktiv?
Was uns Mental Training über Durchhaltewille wirklich lehrt
Im Spitzensport wird Durchhaltewille nicht als Charaktereigenschaft behandelt, mit der man geboren wird oder nicht. Er wird trainiert, systematisch, mit klaren Methoden und klaren Grenzen.
Mental Training im Sport arbeitet u.a an drei Dingen gleichzeitig: der Fähigkeit, Schmerz und Unbehagen auszuhalten, der Fähigkeit, den Unterschied zwischen produktivem und destruktivem Schmerz zu erkennen, und der Fähigkeit, trotz Druck klare Entscheidungen zu treffen.
Tigst Assefas ist keine Heldin, weil sie den Schmerz ignoriert hat, sondern weil sie einem Moment mit extrem viel Druck eine bewusste Entscheidung getroffen hat, mit voller Kenntnis der Konsequenzen. Genau das unterscheidet echten Durchhaltewillen von blindem Weitermachen.
Blindes Weitermachen ist kein Zeichen von Stärke, sondern eher die Unfähigkeit, innezuhalten, zu bewerten und eine neue Entscheidung zu treffen. Echte mentale Stärke zeigt sich nicht nur darin, blind weiterzumachen. Sie zeigt sich auch in der Fähigkeit, im richtigen Moment aufzuhören.
Was das für dich als Führungskraft bedeutet
Die Frage "Wann ist genug?" ist im Business schwerer zu beantworten als im Sport. Im Marathon gibt es eine Ziellinie. Im Führungsalltag gibt es diese nicht. Die Projekte hören nicht auf, die Erwartungen werden nicht kleiner, die nächste Herausforderung wartet immer schon.
Genau deshalb ist die Unterscheidung zwischen gesundem und ungesundem Schmerz für Führungskräfte so wichtig.
Frage dich täglich: Wachse ich, oder verschleisse ich mich? Nicht jede Anstrengung ist Entwicklung. Wer dieselbe Belastung immer wieder erlebt, ohne etwas daraus zu lernen oder etwas daran zu verändern, verschleisst, statt zu wachsen. Wachstumsschmerz hinterlässt Kompetenz, Verschleissschmerz hinterlässt Erschöpfung.
Lerne, die Signale zu lesen. Dein Körper und dein Geist senden Signale, bevor der Einbruch kommt. Schlafprobleme, Reizbarkeit, Entscheidungslähmung, das Gefühl, nur noch zu reagieren statt zu gestalten. Diese Signale sind keine Schwäche, sie haben dieselbe Funktion wie Assefas Schmerz ab Kilometer 31. Die Frage ist, ob du ihnen die Bedeutung gibst, die sie verdienen.
Triff bewusste Entscheidungen. Assefa hat nicht blind weitergemacht, sondern bewusst entschieden. Wenn du in einer intensiven Phase bist, frag dich: Wie gehe ich mit Druck und Intensität um, kenne ich die Konsequenzen, habe ich einen Plan für danach? Wann ist genug?
Erkenne, wann aufhören Stärke ist, die vielleicht schwierigste Aufgabe. Assefa hätte den Marathon abbrechen können, es wäre eine legitime Entscheidung gewesen. Sie hat sich anders entschieden, und das respektieren wir. Aber Abbrechen wäre nicht das Gegenteil von Stärke gewesen. Es wäre eine andere Art von Stärke. Die Fähigkeit zu sagen, dieser Preis ist es mir heute nicht wert, ist keine Niederlage, sondern Selbstführung auf höchstem Niveau.
Wie Mental Coaching den Unterschied macht
In meiner Arbeit als Mental Coach mit Führungskräften begegnet mir das Thema Durchhaltewille regelmässig, meistens in einer dieser beiden Formen: als Erschöpfung, die als Stärke verkleidet wird, oder als Unsicherheit darüber, ob man sich erlauben darf aufzuhören.
Mental Coaching hilft nicht dabei, blind mehr auszuhalten, sondern klarer zu unterscheiden, was gesunder Druck ist, der mich wachsen lässt, und was eher destruktiver Druck ist, der ungesund ist. Es hilft mit Druck und Stress besser umzugehen. Wofür trete ich an? Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen, und welchen nicht?
Diese Fragen klingen einfach, sind aber in der Praxis nicht einfach zu beantworten. Insbesondere dann, wenn der Kopf im Stressmodus nicht mehr dieselbe Klarheit hat wie in ruhigen Momenten. Genau deshalb ist Mental Training keine Notfalllösung, sondern eine präventive Investition, die Fähigkeit, auch unter Druck klar zu sehen, was wirklich passiert.
Durchhaltewille ja, aber nicht um jeden Preis
Tigst Assefa hat uns etwas Beeindruckendes gezeigt. Die Kraft des menschlichen Willens, die Fähigkeit, trotz extremem Schmerz ein Ziel zu verfolgen, und die mentale Stärke, die dafür nötig ist. Das verdient Bewunderung.
Gleichzeitig ist ihr Beispiel keine Anleitung für den Alltag. Was in einem einmaligen Wettkampfmoment vertretbar ist, kann im Dauerbetrieb des Führungsalltags katastrophale Konsequenzen haben. Der Unterschied liegt nicht im Willen, sondern im Kontext, in der Bewusstheit der Entscheidung und in der Fähigkeit, die Konsequenzen realistisch einzuschätzen.
Mentale Stärke bedeutet nicht, einfach weiterzumachen. Sie bedeutet, im entscheidenden Moment klar zu sehen, was richtig ist. Manchmal ist das Weiterkämpfen, manchmal ist es das bewusste Innehalten und nein sagen. Die Stärke liegt darin, den Unterschied bewusst und ehrlich zu erkennen.
Wo machst du gerade einfach weiter, und bist du bereit den Preis dafür zu zahlen?


